Is mir egal, ich lass' das jetzt so

Das Ding mit

richtig und falsch

oder: von einer großartigen Erfahrung aus meiner Schulzeit

Was ist denn richtig, und was ist falsch? Und wie muss ich etwas machen, damit es wirklich perfekt, also richtiger als richtig ist? Wer bestimmt, ob mein Ergebnis richtig oder falsch ist?

 

Wir haben bereits als Kind gelernt, dass wir alles richtigmachen müssen, um von unseren Bezugspersonen geliebt zu werden. Deshalb ist das richtigmachen-wollen ein elementarer Bestandteil unseres Antriebs.

Nur etwas lassen wir dabei außer Betracht: wer bestimmt denn, was richtig und was falsch ist?

Religionen, egomane Staatsoberhäupter, die gesamte Gesellschaft mit ihren Werten und Normen, die jeder einzelne doch wieder anders für sich auslegt. Jedes Kind weiß, bei Oma A sind ganz andere Dinge richtig und falsch als bei Oma B. Und bei den eigenen Eltern sieht es nochmal ganz anders aus.

 

Folglich werden wir später immer unsicherer, je mehr wir als Kind gelernt haben, alles richtig machen zu sollen.

Wir  sind bestrebt, das vermeintlich Richtige zu antworten und auch zu tun, sogar solange, bis das Ergebnis in unserer Wahrnehmung endlich perfekt ist. Doch ist es jemals perfekt?

Es kostet uns oft viel Zeit. Zu viel Zeit, weil Lebenszeit begrenzt ist. Unser teuerstes Gut.

Deshalb möchte ich Euch ermutigen, viel mehr "Is mir egal, ich lass das jetzt so" in Eurem Leben zuzulassen.


Eine kurze Geschichte aus meiner Schulzeit

Irgendwann in der 12.Klasse bekamen wir im Kunstleistungskurs die Aufgabe, ein Plakat für das Quadrat zu gestalten und eine schriftliche Ausarbeitung dazu zu liefern. Es sollten ein Quadrat in Form und in Wort abgebildet sein, sowie unser Name. 

 

Zunächst schob ich die Aufgabe ewig vor mir her, mir fehlte einfach "die perfekte" Idee.

Ziemlich spät, nämlich am Abend vor dem Abgabe-Termin, ließ sich die Muse doch noch in meinem Zimmer blicken und in meinem zermarterten Kopf erschien eine Ahnung meines perfekten Plakates. 

 

Aus einem besonderen grau- karierten Papier schnitt ich ein Quadrat aus und klebte es auf. Darauf wollte ich mit Pinsel und Deckweiß eines der vorgegebenen Worte schreiben. Das verdünnte Deckweiß kleckerte jedoch vom Pinsel und hinterließ überall weiße Sprenkel. Also riss ich genervt das aufgeklebte Papier-Quadrat ab, um einen neuen Ausschnitt darüber kleben. 

Das Karopapier löste sich aber nicht mehr so vom Blatt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Fetzen des karierten grauen Papiers blieben kleben. Katastrophe! Es war schon sehr spät abends, und ich war einfach nur noch frustriert und müde. 

Also malte ich trotzig mit Kohle ein Quadrat um die Karo-Papier-Fetzen herum und schrieb das Wort Quadrat als "Kwadrat" bewusst falsch auf das Blatt.

Danach beschwor ich im schriftlichen Teil noch schnell, aber wortreich die Darstellung der Vergänglichkeit durch mein Plakat und den Erinnerungseffekt durch die falsche Schreibweise des Wortes Quadrat.

 

Anschließend fiel ich in's Bett und war froh, die Arbeit doch noch fertig gebracht zu haben.

Es war zwar nicht annähernd das Plakat, was ich mir vorgestellt hatte. Aber ich stand immerhin am nächsten Tag auch nicht mit leeren Händen und der blöden Ausrede da, ich hätte mein Plakat zu Hause vergessen. Meine inneren Kritiker schrien natürlich im Chor, ich solle Kunst doch besser abwählen, ich wäre einfach nicht gut genug.

 

Ich bekam eine Eins. Und eine Geschichte, um den Drang nach Perfektion zu hinterfragen.

Ich weiß, dass ich mir mein Plakat extra deshalb aufhob, um mich immer wieder daran zu erinnern, dass es irgendwann auch einfach reicht mit Überarbeiten und von vorne anfangen.


Wann bin ich gut? Wann gut genug?

Und worin liegt der Unterschied?

Die Begrenzungen setze ich mir immer selber. Genauso wie bei richtig, falsch und perfekt. Indem ich werte, denn ohne Bewertung funktioniert kein Vergleich. Aber solange ich mich von Bewertung und Vergleich beeinflussen lasse in meinem Selbst-Bewusstsein, wird es schwierig, überhaupt in irgendetwas gut zu sein. Denn es wird immer sehr viele geben, die nach meiner eigenen Meinung viel besser sind und es eben perfekt machen. 

Meine Achtsamkeits-Lehrerin nannte das den "NGG- Modus". Den nicht-gut-genug- Modus. Denn auch während der Ausbildung zur Achtsamkeits-Trainerin kam ich des Öfteren an meine Grenzen, weil ich mich selbst für nicht gut genug befand. Nicht achtsam genug. Ich machte viel falsch, nach meiner Meinung. Und dabei wollte ich doch nur alles richtigmachen, und später dann perfekt!


Das Ego sagt:

"Wenn alles perfekt ist, finde ich Frieden"

Der Geist sagt:

"Finde Frieden, dann ist alles perfekt"


In meinen ersten Meditationen setzte ich mich zumindest in den halben Lotussitz und erlegte mir auf, an nichts zu denken. Eben richtig meditieren. Spätestens nach 10 Minuten dachte ich darüber nach, ob ich jemals von anderen gehört hatte, ihnen würden die Beine einschlafen bei der Meditation. Nach 20 Minuten fragte ich mich, ob wohl je ein Mensch ein oder gar beide Beine verloren hatte, weil sie während der Meditation abgestorben waren. Nach 30 Minuten und dem erlösenden Ende streckte ich erleichtert die stechenden Beine aus und nahm mir vor, beim nächsten Mal eine Stunde durchzuziehen, um endlich mal "richtig zu meditieren". Ich wollte Herausforderung, nicht bloß herumsitzen. 

 

Zum Schluss meiner Ausbildung meditierte ich dann tatsächlich oft auf einem Stuhl sitzend, weil ich den Sinn der Meditation begriffen hatte. Es geht nicht darum, die längste Zeit abzusitzen, oder die bahnbrechendsten Erkenntnisse zu haben.

Es geht eben nicht um die tollste Location, das coolste Outfit oder gar die Haltung der Finger. Zumindest nicht in der Achtsamkeitsmeditation, die den buddhistischen Meditationsformen wie Zen, Vipassana und Samatha folgt. Es geht um absichtsloses Sitzen. Alles was ist, darf sein. Wenn es Geräusche gibt, dürfen sie sein. Wenn Körperempfindungen da sind, dürfen sie sein. Und auch Gedanken sind da und dürfen sein. Und ich beobachte sie, so wie Wolken am Himmel.

 


Das einfache Beobachten meiner Gedanken und Impulse brachte mir mit der Zeit viel Klarheit. War und bin ich doch die ewige Wettbewerberin, die immer alles perfekt machen will. Aber gerade durch meine Ambitionen, Euch regelmäßiger Newsletter zu schicken und auch über Achtsamkeit zu bloggen, muss ich mir viel mehr "Is mir egal, ich lass' das jetzt so" in mein Leben holen. Denn ich habe in den letzten Wochen gefühlt viel Lebenszeit investiert in Texte schreiben, sie durchlesen, auf "alles markieren" und "löschen" drücken. Immer weil ich meinte, es sei nicht perfekt.

 

Aber jetzt kann ich schon viel besser ganz bewusst den Zeitpunkt wählen, an dem ich sage: es reicht, es wird nicht besser.  Eben einfach:

 

Is' mir egal, ich lass das jetzt so!

 

Ich wünsche Euch ein sonniges Wochenende,

und bleibt mindful!

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Kommentare: 3
  • #1

    Annekathrin Lienert (Freitag, 24 März 2017 22:00)

    So ein schöner Text, liebe Dagmar. Danke für deine Worte! Es stimmt, ich Stelle auch immer wieder fest, welche Begrenzungen der Verstand mir liefert und wie sehr der innere Kritiker auf nur rumhackt. Bei deiner Kunstaufgabe sieht man einfach, dass die besten Werke nicht aus dem Willen der Perfektion entstehen sondern einfach durch "machen". ;-)

  • #2

    Carolin (Samstag, 25 März 2017 08:30)

    Schöner Artikel und eine sehr zufriedenstellende Haltung über die Du schreibst. Ich werde sie heute mit in meinen Tag nehmen :-) Wir selbst entscheiden, welche Werte uns in unserem Leben steuern, wenn wir sie in unser Bewusstsein holen.

  • #3

    Andreas L. (Samstag, 25 März 2017 14:54)

    Den NGG Modus kenne ich auch leider zu gut. Denke gerade Darüber nach, das ich mir bei vielen schönen Gelegenheiten eigentlich selbst im Weg stehe und zu viel darüber grübel, was von mir erwartet wird bzw. wie mache ich alles "richtig". Leider stelle ich dann oft fest, das ich mich damit Unsichtbar um nicht aufzufallen. Machmal ist das gut so und machmal ärgere ich mich darüber, dass man dann keine Aufmerksamkeit oder Anerkennung bekommt. Ist ja eigentlich ganz Spannend mal einfach "Is`mir egal, ich lass das jetzt so!" umzusetzen. Danke für diesen Artikel, werde bei sonnigen Wetter noch ein wenig drüber nachdenken. Ich lass das jetzt mal so und wüsche ein zufriedenes WE!


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