Wir sind immer noch heiß - es kommt jetzt nur in Wellen

Wechsel-What?

Wir sind immer noch heiß- es kommt jetzt nur in Wellen

Ich hatte es unterschätzt. "Es" war einfach nicht präsent in meinem Leben, ich hatte gar keine Zeit für "Es". Bis ich die Ketchup-Flasche des Lebens öffnete und, nachdem erst lange nichts gekommen war, und ich es mit heftigem Schütteln probierte, sich alles auf einmal über den Teller ergoss.

 

Auf meine Entwicklung als Kind und Teenager fühlte ich mich besser vorbereitet, da waren Themen wie Wachstum, Pubertät und Körper permanent präsent im eigenen Freundeskreis und auch in der Familie. Ich habe mit meinen Freundinnen vor 35 Jahren deutlich offener über körperliche Veränderungen gesprochen als heute. In der Zeit zwischen 40 und 50 drehten sich die Gespräche mit manchen um Kinder -und ja, um Wachstum, Pubertät, Körper der Kinder-, hauptsächlich jedoch um den Job.

 

Ich hatte beruflich noch ein bisschen was vor, als ich einen Urlaub mit einem Teil meiner Familie auf Teneriffa verbrachte. Eigentlich wollten wir zu Fuß zum Gipfel des Teide, aber das Wetter meinte es nicht gut. Und so wurden aus meiner Sehnsucht nach Sonne und Auspowern dunkle, schwere Regenwolken und Beschäftigung suchen. 

Danach hatte ich ein denkwürdiges Gespräch mit meiner Mutter, denn es war wohl schwer auszuhalten gewesen mit meinen Launen für die kleine Reisegruppe.

 

Ich: launisch? Also bitte! Ich hatte einfach viel Stress im Job. Punkt.

Meine Mutter: also bei mir fingen die Wechseljahre so an...

Ich (etwas übertrieben, aber so ungefähr): die Wechsel-what??

 

Wechseljahre klingt so beige

Da kann man doch sicher was gegen machen. Hormone vielleicht, die war mein Körper seit 30 Jahren sowieso fast durchgängig gewohnt.

Aber irgendwie vergaß ich das Thema wieder, es war mir weder vorstellbar noch wichtig. 

Und arbeitete weiter, bis nichts mehr ging. Depressive Episode. Burnout. Auch das klang in meinen Ohren nicht gerade als Lebenslauf-tauglich. Also ab auf's Abstellgleis.

Da saß ich nun, und bemerkte die Frauen, die sich voller Gelassenheit ihre Mäntel in der stickigen S-Bahn auszogen. Auch mir lief der Schweiß, aber ich wollte es doch nicht so offensichtlich zeigen. Ich schilderte meiner jungen Gynäkologin meine Beschwerden und bat um Hormone. Ist ja kein Zustand, mit dem Schwitzen.

Sie schaute mich ernst an, rollte mit dem Schreibtischstuhl dichter an mich heran und fragte mich, wie oft ich nachts die Bettwäsche wechseln müsste, weil sie schweißnass wäre. 

Da bekam ich das erste Mal eine Ahnung davon, was Wechseljahresbeschwerden sein können. Wir einigten uns also auf ein pflanzliches Mittel, um das Schwitzen etwas abzuschwächen. Und sie machte mir auf Augenhöhe sehr klar, dass ich mich mit dem Thema auseinandersetzen sollte.

 


 

Neulich beim Aufräumen fiel ich das Extraheft Brigitte Woman zum Thema in die Hände. Es hatte mich definitiv nicht weitergebracht. Aber gerade deshalb habe ich ganz viel Anderes gefunden, was mich definitiv weitergebracht hat! Achtsamkeit, mir selbst gegenüber und schließlich als selbstständige Trainerin mit Be Mindful Berlin. Nun grad wieder im festen Teilzeit-Job. Stylistin bei Zalon. Alles auf einmal. Ganz viele Sachen, die mir Spaß machen, meistens jedenfalls. Und auch über Lemondays wäre ich nicht gestolpert, Gela hätte ich nie kennengelernt, wenn das Extraheft mir eine Antwort gegeben hätte. 

Was, so im Rückblick betrachtet, auch unmöglich ist. Wechseljahre sind genauso individuell wie jede Frau es ist. Und auch die Männer entdecken langsam, dass die männliche Wechseljahres-Version, die Midlife-Crisis, wie immer sie sich äußert, durchaus mit einem sich ändernden Hormon-Spiegel zu tun hat.

 

Nichts bleibt, wie es ist. Nie.

Ich habe letztlich die ganze Struktur meines Lebens gewechselt, in den vergangenen vier Jahren. Und bemerke endlich wieder meine große Freude an Veränderung. An Lösungsfindung. An Neuorientierung. Am Zauber, der dem Anfang innewohnt. Meine Haltung hat sich zu vielen Dingen geändert, ich treffe Entscheidungen bewusster, ich bin ausgeglichener, offener, freundlicher und habe mehr Qualität im Leben, trotz weniger Geld.

Zugegeben, ich wurde geschubst.

Und all meine Ängste und Unsicherheiten beschleunigten das Gefühl des freien Falls. Aber plötzlich kamen die Momente des Schwebens dazu, und aus dem angstvollen Tunnelblick wurde immer öfter ein weiter, klarer Blick, der mir so viel Schönes offenbart. Ich bin zwar körperlich schwerer geworden, fühle mich aber doch viel leichter und freier. Gelassener. Mutiger.

 


Ich musste die Maske ablegen, die ich Jahrzehnte trug, weil ich mich schützen wollte, dazugehören wollte, nur positiv auffallen wollte. Und immer wenn mich das Bedürfnis überkommt, mich doch mal wieder zu schminken, dann halte ich inne und schaue nach, was wirklich los ist. In meinem Inneren. In meinem Körper. In meinem Geist. Ich versuche nicht mehr krampfhaft, etwas zu erreichen, sondern haushalte mit meiner Energie.

Denn das haben mich die Wechseljahre endlich gelehrt: Körper und Geist gehören zusammen. Und nichts bleibt, wie es ist. 

 

Ich sage es mit Andreas Burani: Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben!

 

 

Alle tollen Beiträge zur Lemondays-Blogparade "Meine Wechseljahre und ICH" findest Du unter diesem Link - viel Spaß beim Lesen!

 

 

Hast Du noch ein bisschen Zeit für Dich?

Hier findest Du eine von mir angeleitete Metta-Meditation. 

Nimm' Dir eine halbe Stunde Auszeit und lass' anderen, vor allem aber Dir selbst Wohlwollen, Freundlichkeit und Liebe zukommen!

Wenn Du noch keine Meditationssitz-Erfahrung hast, empfehle ich Dir, Dich aufrecht auf einen Stuhl zu setzen, am Besten auf das vordere Drittel. Stelle die Füße etwa hüftbreit mit der ganzen Sohle fest auf den Boden, und lege die Hände locker auf den Oberschenkeln ab, die Handflächen zeigen nach oben.

 

Ich wünsche Dir eine wunderbare Erfahrung!

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Kommentare: 5
  • #1

    Martina (Dienstag, 17 Oktober 2017 13:04)

    Danke für diesen lebensnahen Beitrag. Ich wünsche allen Frauen (und mir auch), dass wir ganz lange, am besten nie, nur beige sondern immer bunt und vielfältig bleiben. Und die Veränderungen aller Art annehmen und für uns und unser Wohlbefinden nutzen können. Herzliche Grüße

  • #2

    Freya (Donnerstag, 19 Oktober 2017 13:02)

    Ein wirklicher toller Beitrag zur Blogparade. Ich bin selbst Teilnehmerin, aber erst am 5.11. mit meinem Beitrag dran. Natürlich lese ich die Beiträge aller anderen Teilnehmerinnen und freue mich jetzt jeden Tag auf einen neuen Bericht. Ich bin gerade am Anfang, mich mit den Wechseljahren zu beschäftigen und da ist die Blogparade ein super Einstieg.

    Liebe Grüße

    Freya
    www.dieplaudertasche.com

  • #3

    Bigi (Donnerstag, 19 Oktober 2017 16:20)

    Liebe Dagmar, ich liebe deine Wortakrobatik, dein Schwung, dein Witz und dann diesen fliessenden Übergang in die Ruhe, Ernsthaftigkeit (positiv) und Zartheit. Danke für deinen Artikel, deine Impulse, deine Energie.
    Bigi, 48, aus der Schweiz - irgendwie noch nicht "Betroffene" ;-)

  • #4

    Birte (Freitag, 27 Oktober 2017 17:57)

    So schön schwungvoll geschrieben - und gar nicht beige :-D
    Ich bin froh, dass das Extra-Heft nicht „geholfen hat“ und ich so in den Genuss dieses Beitrags kommen konnte!

  • #5

    Gela (Donnerstag, 09 November 2017 18:33)

    Liebe Dagmar,
    von der Überschrift an ein Knaller! Ein liebevoll-humoriger Beitrag, der fast Lust auf beige macht :) Danke dafür!
    Alles Liebe, Gela


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